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Schmerzen bei der Geburt: Wie Frauen damit umgehen können

SCHWANGERSCHAFT, Wissen

Silvia Silko

Wehen haben eine wichtige Funktion. Aber sie sind auch schmerzhaft – jede Schwangere hat Angst davor und wünscht sich eine sanfte Geburt. Wir haben mit dem Gynäkologen Prof. Dr. Michael Abou-Dakn über den Sinn der Schmerzen gesprochen, die Leben hervorbringen

Die Geburtshilfe beschäftigt den Chefarzt der Gynäkologischen Klinik des St. Joseph Krankenhauses in Berlin, Prof. Dr. Michael Abou-Dakn, bereits seine gesamte Laufbahn als Arzt. Unzähligen Kindern hat er in den vergangenen 30 Jahren schon auf die Welt geholfen. Dennoch ist er immer wieder beeindruckt davon, was Frauen bei einer Geburt leisten und welche Kraft sie in dieser Ausnahmesituation entwickeln. Die körpereigene Schmerztherapie fasziniert den Arzt ebenfalls: Wenn Gebärende sich „in den Schmerz hineintrauen“, werden sie irgendwann mit natürlichen Schmerzstoppern belohnt und betreten eine ganz andere Erfahrungswelt.

Das Geheimnis natürlicher Schmerztherapie

Ganz ohne Schmerzen lasse sich aber kein Kind auf natürlichem Wege zur Welt bringen. Für eine Geburt müssten die Wehen den Gebärmutterhals öffnen. Und dieses Öffnen sei tatsächlich schmerzhaft. Professor Abou-Dakn hofft, dass Gebärende sich eher darauf einlassen können, wenn sie verstehen, dass Wehen produktiv sind und die Natur auch für Entlastung sorgt: Im natürlichen Wehenverlauf gibt es zwischen dem Kommen und Gehen einer Wehe stets Pausen, in denen sich die werdende Mutter und das Baby erholen können – anfangs längere, dann immer kürzere. Dank körpereigener Hormone, die durch die Wehen aktiviert werden, fühlt die Frau hier in der Regel keinen Schmerz, sondern ist ganz fit und kann sich entspannen.

Professor Abou-Dakn erklärt das ausgeklügelte System dieser natürlichen Schmerztherapie: „Durch den Wehenschmerz wird eine Nervenreizung gesetzt, die über das Rückenmark zum Gehirn läuft und dort die Ausschüttung von Oxytocin bewirkt. Ein Hormon, das nicht nur die Wehentätigkeit fördert, sondern auch glücklich macht und so eine gewisse Entspanntheit beschert. Zusätzlich werden Endorphine und Dopamine freigesetzt – Hormone, die ebenfalls schmerzhemmend und euphorisierend wirken.“ Auf diese Weise stellt die Natur sicher, dass Frauen ihre Kinder im Normalfall ohne medizinisches Einwirken zur Welt bringen können.

Der große Schmerzfaktor Angst

Viele werdende Mütter jedoch orientieren sich nicht an der Natur, sondern am Ideal einer vollkommen schmerzfreien Geburt. Dieses Ideal stammt nach Meinung Abou-Dakns aus den Siebzigerjahren: „Damals experimentierte die gesamte Gesellschaft mit Drogen und Substanzen. Es wurde auch in der Medizin erforscht, inwiefern man mit Medikamenten den Alltag steuern kann. Plötzlich konnten Medikamente bestimmen, wann der Mensch schlafen oder wachen sollte und wie es ihm psychisch geht – warum nicht auch Medikamente gegen den Schmerz bei einer Geburt einsetzen?“

Die Vorstellung einer medizinisch herbeigeführten schmerzfreien Geburt ist Professor Abou-Dakns Erfahrung nach nicht wirklich hilfreich, sondern trägt eher zur Verunsicherung der Gebärenden bei: Erste Wehenschmerzen lösten sofort Angst aus. Diese Angst lasse die Schwangere den Schmerz noch stärker empfinden und die Geburt ins Stocken geraten. Nun würden die Frauen an sich zweifeln und glauben, sie könnten den Schmerz nicht aushalten, sodass sie schnell nach einer erlösenden Betäubung durch Periduralanästhesie (PDA) verlangten. An dieser Entwicklung seien die Ärzte nicht unschuldig: „Wir erzählen den werdenden Müttern ja seit Jahren, dass sie sich und ihr Baby bestmöglich absichern müssten und alles kontrolliert werden könne. Dabei wird häufig vergessen, dass es bei einer Geburt, aber auch in der Beziehung zwischen Mutter und Kind Vorgänge gibt, die sich dem medizinisch Erfassbaren entziehen.“

PDA: Betäubung mit Nebenwirkung

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass das Ausschalten des Schmerzes mittels PDA in deutschen Geburtskliniken keine Seltenheit ist. Ihr Einsatz ist aber nicht ohne Nebenwirkungen – eine Periduralanästhesie stört den körpereigenen Hormonhaushalt und kann die Geburt verlangsamen, wie Abou-Dakn erklärt: „Wenn Frauen eine PDA bekommen, wird der Weg zum Gehirn blockiert und der Schmerz kommt dort nicht an. Die PDA geht genau die aufsteigenden Nervenfasern am Rückenmark entlang. Dementsprechend kann der ganze andere Mecha-
nismus auch nicht mehr greifen und es wer-
den keine helfenden Hormone freigesetzt. Vor allem Frauen, die frühzeitig eine PDA bekommen, müssen meistens auch mit künstlichen Hormonen bei der Geburt unterstützt werden, da sonst die Wehen nachlassen.“ Künstliche Hormone seien aber in ihrer Wirkung immer ungünstiger als die natürlichen Hormone. Der Körper reguliere gewissermaßen nach Bedarf und wähle so automatisch die richtige Dosis. Dies funktioniere medikamentös nicht so reibungslos; oft kämen die Wehen dann in derart kurzer Abfolge, dass keine Zeit zur Erholung bleibe. Auch seien Spätfolgen nach einer PDA nicht ausgeschlossen: Einige Frauen klagten über langwierige Rücken- und Kopfschmerzen.

Selbstbestimmt gegen Angst und Schmerz

Professor Abou-Dakn nimmt den Wunsch der Gebärenden nach einer Schmerztherapie ernst, empfiehlt aber Methoden, die der Frau eine selbstbestimmtere und nebenwirkungsärmere Geburt ermöglichen, als das mit einer PDA der Fall ist. Eine gute Alternative sei Lachgas. Der Stoff erlebe derzeit eine regelrechte Renaissance, wofür es aus Sicht des Gynäkologen gute Gründe gibt: „Das Gas wirkt sich nicht auf die Wehen aus, was ein entscheidender Vorteil gegenüber einer PDA ist. Außerdem ist beim Einsatz von Lachgas ein hoher Autonomiefaktor gegeben. Die Frau ist selbstbestimmt und dosiert das Gas eigenständig: Sie entscheidet, wann sie es einatmet.“ Abou-Dakn betont, dass das Lachgas zunächst die Angst nehme und dann erst den Schmerz: „Die Angst-Schmerz-Spirale zu unterbrechen ist entscheidend dafür, dass man den Schmerz aushalten kann.“

Die besten Mittel gegen die Angst im Kreißsaal sind aus seiner Sicht aber ein gutes Selbstbewusstsein und eine durchgängige Betreuung der werdenden Mutter. „Wenn Frauen sich sicher fühlen, selbstsicher sind, liebevoll von ihrem Partner oder einer Freundin begleitet und vor allem auch von den Hebammen unterstützt werden, sind sie gelöster. Der Schmerz ist dann zwar noch da, wird aber besser ertragen.“ Abou-Dakn kämpft dafür, dass werdenden Müttern diese Selbstbestimmung in Sicherheit ermöglicht wird, dass sie sich bestens aufgehoben fühlen, ohne ihre Mündigkeit an der Kliniktür abgeben zu müssen. Um das zu erreichen, fordert der Mediziner, die Situation der Hebammen zu verbessern und werdende Mütter ausführlicher aufzuklären. Dann könne auch im Klinik-Kosmos durch gute Interaktion zwischen der Schwangeren und der Hebamme eine schöne Geburt ermöglicht werden. Die Ärzte, so Abou-Dakn, sollten im Hintergrund agieren und nur dann eingreifen, wenn es unbedingt erforderlich sei. „Die Mütter und die Hebammen machen das schon! Und wir Mediziner können uns geehrt fühlen, dass wir einer so ergreifenden und faszinierenden Sache wie einer Geburt beiwohnen dürfen“, sagt er abschließend und lächelt.

Illustration: Marie Wolf
Foto: Shutterstock

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