Alleingeburt: Mein Bauch, meine Entscheidung

SCHWANGERSCHAFT, Wissen

Silvia Silko

Das Thema Alleingeburt sorgt für Diskussionen. Anhänger plädieren für mehr Selbstbestimmung, Ärzte dagegen warnen vor der Geburt ohne Hebamme oder medizinische Unterstützung. Wir haben zwei Frauen nach ihren Erfahrungen nach einer Alleingeburt befragt.

Die Diskussionen um die Situation im Kreißsaal, zu schnell verabreichte Medikamente und zu wenige Hebammen kochen immer wieder hoch. Der Trend „Alleingeburt“ entgeht all dem – und fordert im Grunde nur die Möglichkeit nach mehr Selbstbestimmung.

Das Thema Alleingeburt polarisiert

Sarah Schmid empfindet innere Ruhe und kann loslassen, wenn sie in der Natur ist. Der offene Himmel über ihr, der Geruch von Gräsern und das Rauschen der Baumkronen befreien sie. Nach einer enttäuschenden ersten Geburt, die Schmid als Hausgeburt geplant hatte, reifte in ihr der Wunsch nach einer Alleingeburt im Wald heran. Wer sich Sarah Schmid als verträumte Esoterikerin vorstellt, liegt völlig falsch. Die junge Frau spricht schnörkellos, offen und durchdacht, sie ist selbst Medizinerin und weiß um die harten Fakten einer Geburt.

In ihrem Praktischen Jahr hat sie unzähligen Geburten beigewohnt. Die Zustände im Kreißsaal beschreibt Schmid als fürchterlich: „Dir wird vorgeschrieben, wie du atmen, wie du pressen, wie du liegen sollst! Der Fokus der Gebärenden liegt dabei komplett außerhalb ihrer selbst, auf den Menschen um sie herum.“ Schmids erste Geburt sollte im eigenen Zuhause mit einer vertrauten Hebamme stattfinden. Diese fiel kurzfristig aus, stattdessen übernahm eine fremde Ersatzhebamme. Es kam zu einem Geburtsstillstand, für die Ersatzhebamme stand damit auch die Fahrt ins Krankenhaus und der Kaiserschnitt zur Debatte. Schmid lehnte diese Möglichkeit kategorisch ab, sie spürte, dass sie einfach nur etwas mehr Zeit brauchte.

Eine selbstbestimmte Geburt ist vielen Frauen wichtig | Foto: Gettyimages

Zeit ist bei der Geburt ein entscheidender Faktor

Im Krankenhaus muss es vor allem schnell gehen Zeit scheint im Kreißsaal ein seltenes Gut zu sein. Stefanie Bruns empfand die Entbindung ihres ersten Kindes, die in einem Krankenhaus stattfand, als traumatisch. Sie hatte das Gefühl, außerhalb des vorgegebenen Zeitrahmens und der allgemein akzeptierten Taktung zu liegen: „Die Nachgeburt kam nicht zur erwarteten Zeit, also wurde gedrückt, gezogen, Oxytocin gespritzt – nur nicht gewartet. Dabei kann es bei manchen Frauen Stunden dauern, bis die Nachgeburt kommt. Es kam während der Geburt zu Blutungen und hinterher musste ich zur Ausschabung unter Vollnarkose. Ich glaube, das hätte alles nicht sein müssen!“

Bruns formuliert ihre Erfahrungen nicht als blanke Vorwürfe gegen die Schulmedizin, sondern versucht, die Situationen in Kliniken und medizinischen Einrichtungen zu verstehen: „Ein Krankenhaus ist neben vielem anderen auch nur eine ökonomische Institution. Je schneller ein Krankenhausbett wieder frei wird, desto schneller kann eine neue Patientin darin untergebracht werden. Es muss alles schnell gehen.“ Genau deshalb scheinen Kaiserschnitte aus medizinischer Sicht beliebt zu sein – sie bescheren den Kliniken nicht nur ein planbares Ende des Geburtsvorgangs, sondern sind auch finanziell lukrativer. Selbst wenn sie nicht unbedingt die beste Lösung und von der Gebärenden häufig gar nicht gewünscht sind. 30 Prozent aller Geburten münden laut Statistischem Bundesamt im Kaiserschnitt, doppelt so viele wie noch vor 20 Jahren.

Mehr zum Thema Kaiserschnitt und wann er wirklich nötig ist erfährst du hier.

Eine Alleingeburt braucht das Urvertrauen in den eigenen Körper

Bruns lebt mit ihrem Mann und den mittlerweile drei Kindern in Portugal. Sie arbeitet als Psychologin und beschäftigt sich in diesem Rahmen mit menschengerechtem Aufwachsen. Ein Phänomen, das ihr häufig begegnet, ist das abtrainierte Urvertrauen, unter dem heutzutage viele Menschen leiden. Von Kindesbeinen an wird uns vorgeschrieben, wie wir zu empfinden und zu denken haben. Kleinkinder werden nach dem Sturz mit den Worten „Das tat doch gar nicht weh!“ getröstet oder werden gefüttert, wann es der Ratgeber vorschreibt. Dass basale Empfindungen wie Schmerz und Hunger dabei fremdbestimmt würden, sei der entscheidende Fehler und spiegele sich vor allem auch in unserem Gesundheitssystem wider. Entscheidungen würden aufgrund von Kosten und Statistiken getroffen, auch wenn diese dem natürlichen Bedürfnis entgegenstünden.

Eine Geburt ohne fremde Hilfe – wer kann sich das zutrauen?

Schmid und Bruns haben sich bei ihrer jeweils zweiten Geburt entschieden, ohne fremde Hilfe zu gebären. „Ich habe bei meiner ersten Geburt gemerkt, wie abhängig ich mich von anderen Menschen gemacht habe.“ Schmid verließ sich bei der zweiten Geburt nur noch auf sich selbst und gebar an ihrem Wunschort: im Wald. Sie beschreibt diese Niederkunft als entspannt und intensiv. „Außerdem war ich nach der Geburt längst nicht so erschöpft wie nach dem ersten Mal, das von Geburtsstillstand, extremen Schmerzen und heftigsten Wehen geprägt war. Nach meiner Alleingeburt konnte ich recht schnell danach duschen gehen, war fit und gelöst.“ Angst hatte Schmid zu keinem Zeitpunkt des Ereignisses: „Meine einzige Sorge war, dass mir jemand meinen Traum von der Alleingeburt durchkreuzen könnte!“

Natürlich drängt sich hier schnell die Frage auf, was sie gemacht hätte, wenn wider Erwarten etwas schiefgelaufen wäre. „Wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass ich gerade ein Risiko eingehe, wäre ich natürlich ins Krankenhaus gefahren! Es wird allerdings immer davon ausgegangen, dass bei einem Notfall innerhalb von Minuten etwas passieren muss und sonst alles vorbei ist, aber so ist es bei einer Geburt ja nicht. Das ist ein viel längerer Prozess, und jede Frau muss sich auf ihr inneres Gefühl verlassen können.“ Fraglos ist die Verantwortung, die eine Frau bei einer Alleingeburt auf sich nimmt, hoch. Dafür muss man gewappnet sein, sich viel zutrauen, sich aber auch genau kennen – und man muss der Typ dafür sein.

Eine Alleingeburt erfordert viel Vorbereitung und Wissen

Dem Bauchgefühl bzw. der emotionalen Intelligenz spricht auch Bruns einen immensen Wert zu. Dennoch sind ihr präzise Recherchen und Informationen wichtig. „Ich habe viel gelesen, viel geprüft, habe mir verschiedene Statistiken angeschaut und dann meine eigenen Schlüsse gezogen.“

Bruns’ zweite Geburt war zwar im Geburtshaus geplant, sie selbst wünschte sich jedoch insgeheim eine Alleingeburt. Am Ende dauerte es nur eine gute Stunde, bis ihr zweites Kind das Licht der Welt erblickte. Für den Weg ins Geburtshaus blieb also keine Zeit und ihr Wunsch nach einer Alleingeburt erfüllte sich. Bruns’ drittes Kind wies eine Beckenendlage auf, eine Situation, die von medizinischer Seite als kompliziert und kritisch eingestuft wird. Hebammen dürfen eine solche Geburt als Heimgeburt beispielsweise nicht betreuen, Bruns hätte ins Krankenhaus gemusst.

Nach eingehender Recherche fand sie heraus, dass die Beckenendlage eine völlig natürliche Position ist, die allerdings selten vorkommt. Sie entschied sich für eine Alleingeburt im Wasser und brachte ihre Tochter gesund zur Welt. „Bei meiner ersten Geburt wurde bei mir ein zu schmales Becken und ein zu kurzer Gebärmutterhals diagnostiziert. Ich bekam natürlich Angst. Wenn man sich diese Diagnose jedoch genauer anschaut, bedeutet es nur, dass ich von einer Norm abweiche. Aber was genau ist denn überhaupt ‚Norm’? Auf welcher Grundlage ist diese ermittelt worden? Und vor allem: Ist es wirklich ein Problem, wenn ich davon abweiche? Meine Alleingeburten sind völlig komplikationslos verlaufen. Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass etwas nicht stimmt.“

Das Gefühl, „ganz bei sich zu sein“, beschreiben beide Frauen als zentral während ihrer Alleingeburten. Sie haben in diesen Momenten komplett selbstbestimmt und intuitiv gehandelt: „Ich brauchte nicht darauf zu warten, dass mir eine Hebamme oder ein Arzt endlich bestätigt, dass mit meinem Neugeborenen alles in Ordnung ist, ich habe es selbst gesehen und gespürt.“

Frauen sollen sich selbstbewusst für ihren Geburtsstil entscheiden

Bruns räumt ein, dass wir heutzutage den Luxus hätten, skeptisch zu sein. Generationen vor uns hatten diese Möglichkeiten nicht, tradierte Verhaltensweisen wurden einfach übernommen und nicht in Frage gestellt. Die Annahme, die „Götter in Weiß“ wüssten alles und der Patient bzw. die Gebärende stünde in der Hierarchie an letzter Stelle, wird jedoch langsam verabschiedet. Diese gesellschaftliche Entwicklung finden beide Frauen gut. Sie sorge dafür, dass wieder gelernt würde, auf den eigenen Körper zu hören und seine Bedürfnisse ernst zu nehmen. Bruns ist es ein Anliegen, dass sich Frauen an genau dieser Stelle emanzipieren und ihre Entscheidungshoheit nicht einfach abgeben, weil „das eben schon immer so war“. Eine Frau, die sich aktiv und bewusst für eine Geburt in der Klinik entscheide, solle mit demselben Respekt behandelt werden wie eine Frau, die einen alternativen Weg wähle.

Aus den Diskussionen um unterschiedliche Geburtenmodelle zeichnet sich das grundlegende Bedürfnis ab, als Person ernst genommen zu werden und selbstbestimmt Entscheidungen über das eigene Leben und das Leben des Kindes treffen zu dürfen. Dieses Bedürfnis ist nicht exotisch oder wahnwitzig , sondern menschlich. Daher sollte jede Instanz, die den Menschen im Fokus hat, es respektieren.

Frauen wie Sarah Schmid und Stefanie Bruns sprechen öffentlich über ihre Erfahrungen, weil sie Impulse geben wollen. Sie plädieren nicht für die Alleingeburt als perfekte Alternative zur Krankenhausgeburt, sondern für mehr Selbstbestimmung und gegen die Entmündigung. Die Frage, ob man seinem eigenen Gefühl trauen dürfe, sollte nicht mehr gestellt werden. Traurig nur, dass man dafür immer noch kämpfen muss.

Alleingeburt
Sarah Schmid
ist 34 Jahre alt. Sie ist Mutter von fünf Kindern und gebar mit Ausnahme ihrer ersten Tochter ihre Kinder alleine im Wald, im Tipi oder neben einer Regentonne (die Geburt war in der Regentonne geplant, aber das Kind war schneller da, als die Tonne voll war). 2010 wanderte sie samt Familie nach Schweden aus, seit 2013 lebt die Familie in Frankreich im elsässischen Wissembourg, nahe der deutschen Grenze. Schmid praktiziert nicht als Ärztin, sondern beschäftigt sich mit ihren Kindern und dem Schreiben von Büchern, etwa „Alleingeburt – Schwangerschaft und Geburt in Eigenregie“. In diesem Buch erklärt sie die medizinischen Hintergründe einer Geburt und lässt Frauen zum Thema „Alleingeburt“ zu Wort kommen. Im Netz findest du sie hier.

Stefanie Bruns ist 34 Jahre alt. Ihr erstes Kind bekam sie mit 27 Jahren im Krankenhaus, ihre beiden anderen Kinder brachte sie in Eigenregie zur Welt. Sie stammt aus Potsdam, lebt aber mittlerweile mit ihrem Mann und ihren Kindern in Portugal. Die auf Systemische Therapie und Familientherapie spezialisierte Psychologin bietet therapeutische Sitzungen auch per Skype an; im Netz findest du sie hier.

Bücher zum Thema:

Ina May Gaskin: Die selbstbestimmte Geburt: Handbuch für werdende Eltern. Mit Erfahrungsberichten. Kösel-Verlag 2004, 19,99 Euro

Michel Odent: Geburt und Stillen: Über die Natur elementarer Erfahrungen. C.H.Beck 2010, 9.99 Euro

Sarah Schmid: Alleingeburt. Schwangerschaft und Geburt in Eigenregie. Edition Riedenburg 2014, 24,90 Euro

Bilder: Privat
Titelbild: Shutterstock/ Victor Saboya

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