Schluß mit Perfektion! Was wir von dieser Mama-Bloggerin lernen können

FAMILIE, Medien

Alexandra Brechlin

"Warte kurz! Ich will vor dem Essen nur noch schnell ein Instagram Bild schießen." - "Kannst du den Teller ein bisschen ankippen, das sieht sonst nicht gut aus." - "Das Licht hier ist so gelb, lass uns das Essen mal zum Fenster tragen" - "Na prima,  jetzt ist das Essen kalt." … Situationen wie diese sind nicht einmal fiktiv. Es kommt immer wieder vor, das man als Blogger einen regelrechten Zwang versprürt, täglich neue Posts zu veröffentlichen und dauerhaft aktiv auf diversen Social Media Plattformen zu verbreiten wie toll und einzigartig das Leben ist.

Eine diese Bloggerinen war Heather Armstrong. Auf ihrem Familienblog „Dooce“ gab sie Einblicke in ihr Familienleben zwischen Kindererziehung, Einhorn-Partys und Schwangerschaftsstreifen. Am Ende hatte sie dabei einen monatlichen Verdienst von bis zu 45.000 Euro monatlichem Verdienst und stand auf der Forbes Liste der 30 einflussreichsten Medienfrauen. Na die hat ja ausgesorgt, würden manche vielleicht sagen. Doch mit dem großen Geld kam auch das Ende der Ehrlichkeit und nach 14 Jahren erfolgreichen Bloggens und einem Burn Out entschied sich Heather Armstrong aufzuhören.
Klar, es ist nichts Neues das auf Blogs und Instagram Accounts viel inszeniert und nachbearbeitet wird. Aber seien wir doch mal ehrlich, wer will beim täglichen Instagram scrollen, das schnöde Leberwurstbrot der Freundin auf dem Frühstückstisch sehen? Eben – niemand!

Guys. This is Jason. If I had a Jason I’d point to him every time anything went wrong and say, „Jason.“

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Privatleben für Alle

Doch was man bei all den schönen Fotos, perfekten Outfits und Inszenierungen vergisst, ist die Arbeit die hinter einem Blog steht. Anfangs war Heather Armstrongs Blog für sie, wie sie selbst beschreibt, eine Art Ausbruch. Ihre Eltern waren strenge Christen, sodass sie nach ihrem Auszug von Daheim über ihr Leben als Studentin zu schreiben begann: Partys und Männer inklusive. Doch wirklich interessant wurde der Blog erst mit der Geburt ihrer Tochter. Denn ebenso unverblümt wie sie aus ihrem Leben berichtete, bloggte sie nun auch über das Muttersein, Tabu-Themen wie postnatale Depressionen eingeschlossen. Eine Ehrlichkeit welche die Leser beeindruckte und so schaffte sie bald bis zu 2 Millionen Klicks im Monat und zu 1,5 Millionen Twitter Followern. Jetzt wurde sie häufiger von Firmen und Werbekunden angeschrieben, die bereit waren viel Geld für eine Produktplatzierung auf ihrem Blog zu zahlen. Und so wurde aus der authentischen Heather Armstrong, die über ihr Leben mit Kindern schrieb nach und nach zu einem Werbeträger, und ihr komplettes Privatleben war auf ihren Blog ausgerichtet. Sie unternahm Dinge mit ihren Kindern, nicht weil sie sie machen wollte, sondern um darüber berichten zu können.

Kuratierte Realität

„Einmal sollte ich eine Reihe von Blogposts über Kochen und Backen schreiben. Dabei verbringe ich nur äußerst ungern Zeit in der Küche. Wir essen Brot, wir essen Nudeln, keine aufwendigen Gerichte, und dazu stehe ich auch. Und mit einem Mal schrieb ich übers Keksebacken, und das nur, weil ich meine Kooperationspartner zufriedenstellen musste. Ich habe mich wie eine Betrügerin gefühlt.“, erzählte sie 2016 in einem Interview gegenüber dem Stern. Rückblickend betrachtet klingt es lächerlich sich wegen einer Reihe von Keksrezepten so aufzuregen, aber Heather Armstrong wollte eben keine Keks backen, weil sie das nicht war. Sie war zur Schauspielerin geworden, die kochen hasste und trotzdem in der Küche stand um Food-Beiträge zu verfassen.  „Alles ist gestellt und zurechtgemacht. Selbst Unordnung ist kunstvoll arrangiert. Zum Beispiel ein leicht verrutschter Handtuchstapel. Oder ein bisschen Spielzeug auf dem Boden.  Was man findet, ist kuratierte Realität“, erzählt sie in dem Interview weiter.
Während ein Tech- oder Gamingblogger deutlich besser zwischen privater Entspannung und öffentlichem Auftreten unterscheiden kann, greift das Eltern- und Familienbloggen in den Alltag tief hinein. Es wirkt sich auf die Tagesgestaltung aus, formt die Wohnung mit, macht aus Unternehmungen, die man sonst nur zur Erholung macht berufliche Aktivitäten. Schließlich gab es einen Schlüsselmoment, als sich Heather Armstrongs Tochter „wehrte“ für ihren neusten Blogposts stillzuhalten und mitzuspielen und ihr wurde bewusst, wie sehr sie ihre Familie aber auch sich selbst mit dieser künstlichen Person belastete: „Das war der Moment, in dem ich dachte: Schluss. Ich kann das nicht mehr. Unser Leben darf ­keine Aneinanderreihung von künstlichen ­Momenten werden. “

Mehr als nur ein schöner Text

Denn das Leben mit Kindern ist nicht so. Und nur weil das Internet voll von wunderschön dekorierten Tischen, aufgeräumten Wohnungen und gekämmten und perfekt angezogenen Kindern sind ist die Realität eine andere. Es ist eine persönliche Entscheidung, auf diese Art den Lebensunterhalt zu bestreiten und es macht Spaß diese Blogs zu lesen und Anregungen und Tipps mitzunehmen. Aber man muss sich bewusst sein, dass das Betreiben eines professionellen Blogs kein Spaß ist. Es ist kein „ich schreibe schöne Texte und verdiene damit Geld“.

 

Leta was so thoughtful with this Mother’s Day note that she made it Safe For Work (SFW).

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