Hautkontakt – darum ist er so wichtig für uns

FAMILIE, MUM, Pflege, Wohlfühlen

Stefanie Staiger

Umarmungen und Körperkontakt sind wichtig für unsere seelische Entwicklung und für unser Immunsystem – und zwar von der ersten Sekunde an

Wer kennt das nicht: Man liegt mit einer Erkältung oder einer Grippe flach, fühlt sich matt und elend und wünscht sich neben einer
heißen Tasse Tee vor allem eines: liebevoll in den Arm genommen zu werden. Wie früher, wenn man krank war als Kind. Da wurde vorgelesen und gekuschelt, über die Stirn gestreichelt und ganz viel umarmt. Und schon war das Kranksein nur noch halb so schlimm!

Hautkontakt – Lebenswichtige Berührungen

Inzwischen ist längst wissenschaftlich erwiesen, wie wichtig Berührungen für unseren Körper und für unsere Seele sind. Doch leider
haben viele Menschen heutzutage mehr Kontakt mit ihrem Handydisplay als mit der Haut eines anderen Menschen. Dabei hungern wir geradezu nach echten Berührungen. „Skin Hunger“ nennen Fachleute diese Sehnsucht nach Körperkontakt. Und die hat weniger mit Sex zu tun, sondern vielmehr mit dem Wunsch, einen anderen Menschen zu spüren. Doch leider werden echte Berührungen in unserem durchgetakteten, digitalisierten Alltag immer seltener. Dabei brauchen wir sie – ebenso sehr wie Essen und Trinken. „Berührungen haben für Lebewesen einen Stellenwert wie die Luft zum Atmen“, sagt der Psychologe und Haptik-Forscher Dr. Martin Grunwald von der Universität Leipzig. Kein Wunder: Schließlich ist die Haut unser größtes Sinnesorgan. Es ist möglich, ohne Geschmackssinn zu leben. Auch ohne Gehör oder gar
Augenlicht. Aber ohne Körperkontakt werden die Menschen krank.

Beim Kuscheln entsteht emotionale Bindung | Bild: Getty

Bonding geht über die Haut

„Die allererste Interaktion mit einem anderen Menschen, die jeder von uns erlebt, verläuft über Berührungen. Neugeborene Babys werden von ihren Eltern gestreichelt, liebkost und eng an den Körper gehalten“, erklärt die Neurowissenschaftlerin Dr. Rebecca Böhme. Der erste Hautkontakt ist unglaublich wichtig für die Entwicklung und Stärkung der Bindung zwischen Eltern und Neugeborenem, das sogenannte Bonding. Untersuchungen zufolge wurden Babys, die nach der Geburt die ersten 45 Lebensminuten auf der Brust oder dem Bauch ihrer Mutter liegen durften, später häufiger erfolgreich gestillt. Mit zwölf Wochen waren Babys, die viel Körperkontakt genossen, ruhiger und
entspannter und weinten weniger als Neugeborene, die weniger Berührungen erfahren hatten. Der Grund: Durch den sanften, wohltuenden
Hautkontakt wird im Gehirn Oxytocin ausgeschüttet. Dieses Hormon wird auch als Glücks- oder Bindungshormon bezeichnet. Es verringert den Blutdruck, verlangsamt Herzschlag und Atemfrequenz und baut Stresshormone ab. Bei stillenden Müttern verstärkt das Oxytocin die emotionale Bindung an ihr Baby. Auch nach dem Sex wird Oxytocin freigesetzt und bewirkt, dass wir uns unserem Partner nahe und innig verbunden fühlen und Geborgenheit erleben.

Stillkontakt stärkt die Abwehrkräfte

Die positiven Folgen des frühen, liebevollen Hautkontakts sind beeindruckend. Bereits in den 1970er-Jahren fanden Forscher heraus, dass Babys, die viel Körperkontakt erleben und länger gestillt werden, ein stärkeres Immunsystem entwickeln. Sie neigen deutlich seltener zu Autoimmunerkrankungen und haben im Durchschnitt sogar einen leicht höheren IQ als ungestillte Kinder. Die Muttermilch fördet die Hirnentwicklung und trägt durch bestimmte Inhaltsstoffe zu einer gesunden, resistenten Darmflora bei. Eine gesunde Darmflora wirkt positiv auf die Entwicklung des Kindes. Störungen der Darmflora dagegen stehen möglicherweise in einem Zusammenhang mit späteren Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern. Der enge Hautkontakt beim Stillen hat also durchweg positiven Einfluss auf die körperliche und
seelische Entwicklung eines Babys.

Bild: Getty

Streicheln mindert den Stress

Während wir Babys und Kleinkinder noch ausgiebig streicheln, herzen, umarmen und mit ihnen kuscheln, wird der Körperkontakt
mit zunehmendem Alter leider immer weniger. Warum eigentlich? Weil Teenager auf einmal keinen Bock mehr auf Umarmungen haben? Weil wir selber Angst haben, unsere Kinder mit zu viel Zärtlichkeiten zu verwöhnen oder gar zu verweichlichen? Ein Gedanke, den vermutlich vor allem noch die autoritär erzogene Nachkriegsgeneration kennt. Der aber mittlerweile hoffentlich als überholt gilt.

Denn zwischenmenschliche Kälte und ein Mangel an körperlicher Zuwendung machen nicht hart, sondern im schlimmsten Fall krank.

Auch das erklärt Rebecca Böhme in ihrem Buch „Human Touch – Warum körperliche Nähe so wichtig ist.“ Es gibt beispielsweise einen erwiesenen Zusammenhang zwischen zu wenig Berührungen und dem Entstehen von Depressionen. Der Grund findet sich abermals in unserem Gehirn. Depressive Menschen leiden oft an einem Serotoninmangel, den man dann versucht, medikämentös mit Psychopharmaka auszugleichen. Dauergestresste Menschen hingegen produzieren ein Übermaß an Cortisol. Gegen das Ungleichgewicht der Hormone können Berührungen wahre Wunder wirken. „Wer unruhig und gestresst ist, proftiert enorm von den liebevollen Streicheleinheiten eines nahestehenden Menschen“, so Dr. Rebecca Böhme. Eine innige Umarmung regt nämlich das Opiodsystem in unserer Hirnregion an. Die Opiode wiederum wirken beruhigend und positiv auf unsere Stimmung und vermindern unseren Stress. Schon beiläufig jemandem die Hand auf den Arm oder die Schulter zu legen
wirkt entspannend und stressmindernd. Deshalb sollten wir solche kleinen Berührungen wieder viel mehr in unseren Alltag integrieren und uns davor nicht scheuen, sagt die Neurowissenschaftlerin Rebecca Böhme. Das kann das Händeschütteln mit der Nachbarin ebenso
sein wie die Umarmung mit der Kollegin oder Freundin, das Schmusen mit der Katze oder das Kuscheln vor dem Einschlafen mit
den Kindern. Hauptsache, wir haben Hautkontakt oder werden berührt.

Berührungen und Zärtlichkeit im Alltag sind für Menschen wichtig | Bild: Getty

Küssen, Kuscheln, Sex – auf die Regelmässigkeit kommt es an

Sex gilt vielen Menschen als die ultimative Form von Körperkontakt und Intimität. Das ist natürlich ein Stück weit so. Denn auch beim Orgasmus wird jede Menge Oxytocin in unserem Gehirn ausgeschüttet und überflutet den Körper. Man fühlt sich dem Partner nach dem Orgasmus besonders nahe und verbunden. Doch der Akt alleine macht es nicht. Zu einer stabilen emotionalen Paarbeziehung gehört weit mehr als der Geschlechtsverkehr, erklärt Rebecca Böhme in ihrem Buch „Human Touch“. Küsse, Umarmungen, sich streicheln, kraulen, den anderen riechen, kuscheln und nebeneinander einschlafen – all das ist ebenso wichtig, wenn nicht auf Dauer sogar wichtiger als der reine Geschlechtsakt. Umfragen haben ergeben, dass Paare, die sich im Alltag regelmäßig küssen, umarmen und liebkosen, deutlich zufriedener sind mit ihrer Beziehung als Paare, bei denen es im Bett zwar noch läuft, die aber die alltäglichen Zärtlichkeiten aus Zeitmangel, Stress oder fehlender Achtsamkeit nahezu eingestellt haben. „Dem Partner die Hand auf den Arm legen, sich zur Begrüßung und zum Abschied küssen – das dauert bloß ein paar Sekunden, aber hat eine enorme Wirkung“, erklärt die Neurowissenschaftlerin. Gerade das Küssen, diese besonders intime und zärtliche Form der Berührung, hat einen sehr positiven Effekt.

Eine Studie von Kory Floyd von der Arizona State University belegt, dass Paare, die sich regelmäßig küssen, weniger gestresst und deprimiert sind.

Der Grund: Das Küssen verringert die Mengen des Stresshormons Cortisol. Ein erhöhtes Cortisollevel im Blut, das häufig bei Menschen mit chronischem Stress ensteht, verstärkt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen. Küssen macht also nicht nur Spaß und fördert die Beziehung, sondern ist auch gut für die Gesundheit.

Kein Partner? Dann umarmen wir eben Freunde und Freundinnen! | Bild: Getty

So können sich Singles Körperkontakt holen

Nun haben wir schon viel gelernt über die Bedeutung von Körperkontakt. Wie wichtig er für uns alle ist, vom Neugeborenen bis ins
hohe Alter. Dass das Kuschelhormon Oxytocin uns entspannt, die Bindung fördert, Stress abbaut und uns glücklich macht. Aber was, wenn Umarmungen im Alltag fehlen? Wenn da keiner ist, mit dem man küssen und kuscheln kann?

Besonders in den Großstädten leben heute überdurchschnittlich viele Menschen als Single. Dating-Apps haben Hochkonjunktur. Neben zahllosen Events für Partnersuchende werden auch professionelle Kuschelpartys angeboten – ein Trend, der aus den USA nach Deutschland geschwappt ist. Dabei lernen die Teilnehmer unter professioneller Anleitung, sich zu umarmen, zu berühren, an der Hand zu halten oder zu massieren. „Liebevolle und herzliche Berührungen ohne Hintergedanken“, so beschreibt Kuschelzeit aus Hamburg seine Events und Kursangebote. In einem geschützen Rahmen und in wertschätzender Atmosphäre sollen Menschen, die sich einsam fühlen, Körperkontakt erfahren. Ein weiterer Punkt in unserem Wellness-Programm also? Yoga, Smoothie, Achtsamkeitstraining und einen Freund streicheln: erledigt, nun bin ich glücklich und erfüllt?

Rebecca Böhm respektiert diese Events, hält die Wirkung allerdings für fragwürdig. Die Neurowissenschaftlerin sagt: „Ein grundlegender
Effekt zeigt sich nur, wenn Berührungen und Nähe wirklich ein Teil unseres Alltags sind.“ Rebecca Böhm plädiert dafür, kleine Gesten und liebevolle Berührungen wieder mehr ins alltägliche Leben zu integrieren. Das geht auch ohne Partner. Die ältere Nachbarin mal in den Arm nehmen. Die Katze streicheln. Mit dem Patenkind schmusen. Die beste Freundin spontan umarmen. Einen Bekannten herzlich drücken. Es sind die kleinen Berührungen, die den Unterschied machen. „Berührungen mit Menschen, die uns nahestehen, werden immer mehr Bedeutung haben als organisierte Kuscheleinheiten mit Fremden“, sagt die Expertin. Also trauen wir uns. Umarmen wir mehr. Haben wir weniger Scheu vor Körperkontakt. Und mehr Mut zu „Human Touch“.

Mehr dazu: Rebecca Böhme,
„Human Touch. Warum
körperliche Nähe so
wichtig ist“, C.H.Beck
Verlag 2019, 14,95 Euro;
chbeck.de

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