Stillende Frau mit Baby im Arm

Stilldauer: Warum Stillen so wichtig ist und Durchhalten sich lohnt

BABY, Food

Wie lange stillen ist ratsam? Deutsche Frauen stillen im Schnitt nur siebeneinhalb Monate. Viele geben auf, weil es gerade am Anfang häufig Probleme gibt. Wir haben Experten und Mütter befragt, warum lange Stillen wichtig ist und sich das Durchhalten lohnt.

Muttermilch gilt als optimale Nahrung für Säuglinge: Sie versorgt das Baby mit allen wichtigen Nährstoffen, senkt das Risiko für Infektionskrankheiten, Allergien und Asthma. Zudem fördert das Stillen die Bindung von Mutter und Kind. Darüber hinaus hilft es bei der Rückbildung der Gebärmutter und vermindert das Risiko von Brust- und Eierstockkrebs. Und es hebt die Stimmung: Das beim Stillen ausgeschüttete Hormon Oxytocin entspannt und schafft ein angenehmes Gefühl. Außerdem sollen die Schwangerschaftspfunde durchs Stillen schneller purzeln. Zudem ist die Muttermilch kostenlos und quasi permanent zur Verfügung – ganz im Gegensatz zur Fläschchenmilch, die erst noch zubereitet werden muss.

Wie lange stillen ist optimal?

Es spricht also vieles für die Ernährung mit der Brust. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Frauen, Kinder mindestens die ersten sechs Monate voll zu stillen. Danach darf neben der Beikost auch gerne noch weiter gestillt werden, idealerweise bis zu zwei Jahren. Soweit die Theorie.
Die Realität sieht, zumindest in Deutschland, aktuell anders aus.

Maria Flothkötter ist Leiterin der Initiative „Gesund ins Leben“, die vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefördert wird. Sie möchte mittels einer neuen Studie herausfinden, warum Frauen nur kurz stillen und wie man sie zum längerem Stillen ermutigen kann. „Die Zahl der Frauen, die ihre Babys stillen, ist in den vergangenen Jahren leicht angestiegen, um rund vier Prozent. Trotzdem liegt die durchschnittliche Stilldauer nach wie vor bei 7,5 Monaten“, erklärt die Expertin. „Es besteht nach wie vor ein erhöhter Bedarf für stillfördernde und unterstützende Maßnahmen – insbesondere bei bildungsschwachen oder noch sehr jungen Müttern, bei Frauen, die in der Schwangerschaft rauchen, und Frauen mit Mehrlings- und Frühgeburten. Da die Entscheidung für oder gegen das Stillen bereits in der frühen Schwangerschaft getroffen wird, sollte schon in dieser Zeit begonnen werden, über das Stillen zu informieren und die Stillförderung nach der Geburt kontinuierlich fortgeführt werden“, sagt Maria Flothkötter.

Warum brechen Frauen das Stillen ab?

Brechen also vor allem Frauen aus sozial schwachen Schichten das Stillen ab oder fangen erst gar nicht damit an? Richtig ist sicher, dass mangelnde Aufklärung über die positiven Aspekte des Stillens ein Faktor ist. Doch für die meisten Frauen spielen wohl andere Gründe eine Rolle. Wer sich jemals mit einer Brustentzündung quälen musste oder einen schmerzhaften Milchstau erlebt hat, weiß, dass Stillen keineswegs nur die reine Freude ist. Und leider sind auch nicht alle Babys auf Anhieb gekonnte Sauger an der mütterlichen Brust. Saugirritationen sind keine Seltenheit. „Viele Mütter geben das Stillen in den ersten acht Wochen auf beziehungsweise beginnen mit dem Zufüttern von Säuglingsmilchnahrung. Deshalb brauchen sie gerade in dieser sensiblen Phase die nötige Unterstützung und eine qualifizierte Begleitung“, sagt Maria Flothkötter.

Stilldauer: Das empfehlen Hebammen und Ärzte

Eine, die die Probleme junger Mütter beim Stillen aus ihrer täglichen Arbeit bestens kennt, ist die Berliner Hebamme Sissi Rasche. Sie empfiehlt zwar auch, die ersten sechs Monate voll zu stillen. Aber sie möchte die Frauen nicht unter Druck setzen. „Beide Beteiligten, Mutter und Kind, sollten damit glücklich sein. Es gibt auch Frauen, die gar nicht stillen wollen oder können. Ich möchte zunächst immer, dass die Frau mit einer positiven Einstellung in die Stillbeziehung geht. Deshalb erzähle ich natürlich auch immer von den positiven Aspekten des Stillens. Dann rate ich auch zu sechs Monaten voller Stillzeit und danach, unter Zufütterung von Beikost, bis zum ersten Geburtstag oder darüber hinaus. Das kann jede so machen, wie sie will.“


Auch Professor Dr. Michael Abou-Dakn, Gynäkologe am St. Joseph Krankenhaus in Berlin, hält das Stillen vor allem für eine individuelle Entscheidung. „Stillen ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Es gibt unterschiedliche Gründe dafür, warum manche Frauen nicht stillen wollen. Noch besser geht es ihrem Kind aber, wenn sie es stillen. Wir Mediziner sind uns mittlerweile sicher, dass Stillen sich nicht nur auf die Gesundheit und spätere Allergien positiv auswirkt, sondern auch die Psyche des Kindes und späteren Erwachsenen positiv beeinflusst. Entscheidend ist hierbei aber tatsächlich auch der Zeitraum in dem gestillt wird. Manche Frauen stillen nur drei Monate, das ist eher zu wenig. Wie auch die WHO empfehlen wir sechs Monate, am besten aber noch länger.“

Die Stilldauer in Deutschland beträgt 7,5 Monate –  liegt also genau im Durchschnitt. Häufig ist das Problem der Auftakt: wunde Brustwarzen, Milchstau oder keine Milch – alles Stressfaktoren, die das Ganze für die Mütter nicht leichter machen.

Ist Beratung der Schlüssel zu mehr stillenden Müttern?

Die Folge sind Erst-Mütter, die notgedrungen das Stillen aufgeben, wie auch Maria Flothkötter bestätigt: „Viele Mütter hören in den ersten sechs bis acht Wochen nach der Geburt mit dem Stillen auf bzw. beginnen in dem Zeitraum mit dem Zufüttern von Säuglingsmilchnahrung.“ Die Initiative „Gesund ins Leben“ sieht das Stillproblem also nicht in dem Unwillen der Mütter, sondern in der mangelnden Beratung. Hier möchte die Initiative ansetzen. „Wir möchten, dass Mütter vor allem in dieser sensiblen Phase die nötige Unterstützung und eine qualifizierte Begleitung bekommen,“ sagt Flothkötter.

Tatsächlich wünschen sich Mütter vor allem beim ersten Kind schon vor der Geburt mehr Aufklärung. „Man wird durch Lektüre und Gespräche so gut auf die Geburt vorbereitet und weiß irgendwann so viel. Was einen nach der Geburt beim Stillen erwartet wird aber gar nicht thematisiert – nur dass gestillt werden soll, nicht aber wie,“ gibt Mirjam zu bedenken. Sie ist Mutter eines fünf Wochen alten Sohnes und hatte anfangs Probleme mit dem Stillen. Schmerzen, wunde Brustwarzen und Probleme beim Anlegen machten ihr die ersten zwei Wochen nach der Geburt zu schaffen.

Sie hatte das Glück, bereits im Krankenhaus gute Beratung bekommen zu haben. Auch ihre Hebamme unterstützte die junge Mama und letztendlich besuchte Mirjam auch noch die Stillberatung. „Gesund ins Leben“ hat ebenfalls genau diese Anlaufstellen im Blick: „Für die Unterstützung und Begleitung der Mütter und Eltern sind all diejenigen  geeignet, die einen regelmäßigen Kontakt zu jungen Familien haben und bei ihnen großes Vertrauen genießen.“ Neben Hebammen und Ärtzen kommen hier auch Kinderärzte oder Sozialpädagogen in Frage, die bei Unsicherheiten und Fragen unterstützen können.

Eine Beratung bei Stillproblemen ist sehr hilfreich

Mirjam fühlte sich durch die Möglichkeit mit dem Krankenhauspersonal, ihrer Hebamme und der Beratung zu sprechen, bestens aufgehoben und meisterte so die erste schwierige Phase. Leider steht ein solches „Krisenpersonal“ nicht jeder frischgebackenen Mutter zur Verfügung: Zu wenige Hebammen und überlastetes Personal in den Kliniken machen eine gezielte und schnelle Hilfe teilweise schwierig.  Die prekäre Situation in den Kreisssälen ist ein langwieriges Problem, das weite Kreise zieht – nicht nur beim Thema Stillen.

An diesen Stellen fehlt es schlicht und einfach an Geldern, die durch den Staat zur Verfügung gestellt werden müssen. Maria Flothkötter bestätigt diesen Eindruck „Die Kosten für die Fortbildung im Bereich Stillen werden weitestgehend von einzelnen Gesundheitsfachkräften oder Kliniken getragen. Derzeit fehlen sowohl eine fachgerechte Begleitung vor, während und auch nach der Geburt an Kliniken.“

Zu wenig Hebammen bedeutet auch zu wenig Stillberatung

Hebammen bilden derzeit die einzige durch das Gesundheitssystem finanzierte Stillberatung. Allerdings ist die Situation der Hebammen in Deutschland prekär: Zu hohe Versicherungskosten, geringe Bezahlung und zu viel Arbeit für zu wenig Personal sind für Hebammen an der Tagesordnung. Dieser Berufszweig droht daher in Deutschland komplett auszusterben. Die Rechnung, die „Gesund ins Leben“ aufstellt, nach der mehr Beratung also auch mehr stillende Mütter bedeuten würde, macht an dieser Stelle also ein Minus. Zu wenige Hebammen bedeutet  zu wenig individuelle Beratung. Die Initiative hat hier noch keine genauen Lösungsangebote parat. Zunächst sollen sämtliche Akteure und Strukturen, die an der Aufklärung rund ums Stillen arbeiten, erfasst werden.

Manche Frauen entscheiden sich aus praktischen Gründen gegen das Stillen

Darüber hinaus soll Beratungs- und Infomaterial aus aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Verfügung gestellt werden. Ob die Maßnahmen der Inititive tatsächlich greifen, wird sich zeigen. Denn: Nur weil eine Neu-Mama über das Thema Stillen in der Theorie Bescheid weiß, heißt es nicht, dass sie sich in der Praxis dafür entscheidet. Neben den Schwierigkeiten am Anfang der Stillzeit, die eine Hürde sein können, gibt es im übrigen auch Frauen, die sich grundsätzlich gegen das Stillen entscheiden. Beispielsweise, weil sie nicht allein für die Ernährung des Säuglings verantwortlich sein wollen und ihren Partner mit einbinden möchten.

Weil sie wieder mehr Selbstbestimmung über ihren Körper möchten. Oder weil sie relativ schnell nach der Geburt in den Job zurückkehren und dort keine Gelegenheit haben, ihr Baby überall hin mitzunehmen und zu stillen. Das Fläschchen kann eben praktischweise auch die Nanny, der Babysitter oder die Oma geben. Deshalb sollten auch Mütter, die nicht stillen wollen, mit ihrer Haltung respektiert werden: Stillen ist eine sehr intime und persönliche Angelegenheit. Durch gesellschaftlichen Druck und Dogmen ist hier niemandem geholfen.

 

Lest hier, wie ihr abgepumpte Muttermilch richtig aufbewahren könnt.

 

Foto: shutterstock

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